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Team Interviews | 08.01.2022

Glukose-Biosensoren: Revolution im Radsport oder übertriebener Hype?

Halten Glukose-Biosensoren und Tracker was sie versprechen? Ist der aktuelle Hype übertrieben? Im Gespräch mit Dan Lorang, BORA – hansgrohe Head of Performance, versuchen wir dem Phänomen auf den Grund zu gehen.

Immer öfter sind in sozialen Medien Fotos der kleinen, weißen Punkte auf der Haut diverser Athleten zu sehen – Glukose-Biosensoren. Fühl dich besser, leiste mehr und regeneriere schneller sind nur einige der vielversprechenden Marketingbotschaften. Aber wie viel  bringt es tatsächlich seinen Blutzuckerspiegel zu tracken und lassen sich daraus Rückschlüsse auf Leistung oder Trainingsqualität ziehen?

„Grundsätzlich muss man zuerst einmal sagen, dass diese Tracker aus der Diabetes-Forschung kommen und dort sehr erfolgreich eingesetzt werden. Für Menschen, die an Diabetes leiden ist es eine große Hilfe, den eigenen Blutzuckerspiegel immer im Blick zu haben. Da sind diese Tracker absolut zu begrüßen und sehr nützlich“, sagt Dan Lorang. Allerdings stellt sich die berechtigte Frage, inwieweit Diabetiker und Spitzensportler vergleichbar sind bzw. welche Erkenntnisse sich für Training und Wettkampf aus Blutzuckerspiegelmessungen ableiten lassen. 

Die UCI wollte in diesem Fall, im Wettkampfbetrieb, keine Türen offen lassen und hat die Tracker bei Rennen frühzeitig verboten. Im Training oder in Ruhephasen aber kann jederzeit gemessen und getrackt werden. Ob anhand der erhobenen Daten auch leistungsrelevante Rückschlüsse erhebon werden können sieht Lorang skeptisch: „Unter anderem erhofft man sich durch Messungen im Training individuelle Blutzuckerzonen herauszufinden, in denen der Athlet optimal performen kann. Im besten Fall sollte sich der Sportler dann immer innerhalb dieser Zone bewegen. Die Crux: Während der Belastung bleibt der Blutzuckerwert von Spitzensportlern recht konstant und nimmt dann über die Belastungsdauer und Intensität langsam ab . Der Körper versucht proaktiv zu hohe Ausschläge zu vermeiden. Daher sind die Ausschläge bei der Aufnahme von einem Kohlenhydratgetränk zum Beispiel nur von kurzer Dauer. Der Körper ist in der Lage schnell wieder ein konstantes Niveau herzustellen. Je besser der Körper trainiert ist, umso stabiler verhält sich der Blutzucker grundsätzlich.

 Was sehr gut erkennbar ist: Ein starkes Absinken des Blutzuckerspiegels und somit ein drohender Hungerast. Ein solcher sollte einem Profisportler aber ohnehin nicht passieren - dank ausgeklügelter Feeding-Strategien während der Rennen gehören Zustände wie der Hungerast der Vergangenheit an.  Wenn Gefühl und Wirklichkeit beim Athleten nicht zusammenpassen, kann der Sensor dem Athleten helfen eine interne Eichung durchzuführen und Gefühl und Realität wieder in Einklang bringen.

Sind die Geräte also im Leistungssport nutzlos? Einen indirekten Effekt haben die Messungen laut Dan Lorang in jedem Fall: „Es ist ganz sicher so, dass man Sportler für das Thema Fueling sensibilisieren kann. Wenn man im Training laufend den Blutzuckerwert sieht, dann achtet man automatisch mehr auf die richtige Energiezufuhr. Zudem können Unterschiede und Auswirkungen von zugeführten Lebensmitteln leichter erkannt werden. Ich habe mit  diesen Systemen bereits mit einzelnen Sportlern gearbeitet.Es ist mehr Selbsterfahrung als, dass wir ernsthafte und valide Rückschlüsse auf Training und Performance ziehen können. Aktuell lassen die meisten Athleten nach einer kurzen Testphase relativ schnell wieder die Finger davon“

Aber:  Im Bereich der Regeneration lassen sich am ehesten sinnvolle Rückschlüsse ziehen. „Der Blutzuckerspiegel reagiert auch auf Stress und mentale Belastung. Widmen die Athleten der Regeneration nicht ausreichend Aufmerksamkeit, so sind Ausschläge im Blutzuckerspiegel erkennbar. Auch hier gilt:  Beim Sportler kann ein Bewusstsein geschaffen werden, mehr auf seine Regeneration zu achten - das ist wichtig! Zudem ist über einen gewissen Zeitraum erkennbar, welche Regenerationsmaßnahmen hilfreich sind, welche Ernährungsstrategien Sinn machen und wie viel Schlaf der Athlet mindestens benötigt. Fairerweise muss man hier aber sagen, dass ich diese Erkenntnisse auch durch eine regelmäßige HRV-Messung sehen würde“, so Lorang.

Der Nutzen von Blutzuckermessungen scheint für den Leistungssport im Augenblick noch überschaubar. Für die Zukunft aber könnten derartige Technologien durchaus gewinnbringende Erkenntnisse für Sportwissenschaftler liefern. „Wenn man mit diesen Sensoren dann zum Beispiel kontinuierlich Laktatwerte im Blut messen kann, was möglich werden sollte, dann können die Messungen zu einem absoluten Gamechanger werden“, sagt Dan Lorang und unterstreicht damit das Potenzial der zugrunde liegenden Technologie für den Spitzensport. „Damit hätten wir in der Trainings- und Belastungssteuerung einen Sprung wie bereits Ende der 90er-Jahre von der HF-Messung hin zu Powermetern.“

Es bleibt also abzuwarten wohin die Reise geht. Noch scheint die Technologie für den Leistungssport, trotz intensiver Marketingarbeit der Hersteller, überbewertet zu sein.  

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