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Team Interviews | 02.09.2022

„Ich habe keinen Moment gezögert!“ - Luis-Joe Lührs über den Schritt von den Junioren direkt in die WorldTour und seine erste Saison als Neo-Profi

Von den Junioren direkt in die WorldTour, vom Team Auto Eder zu BORA - hansgrohe. Luis-Joe Lührs hat diese Möglichkeit bekommen, den Schritt gewagt und blickt zurück auf seine erste Saison als Neo-Profi. Der Oberbayer spricht im Interview über seine neuen Eindrücke, Nervosität beim ersten Rennen für BORA - hansgrohe, Ziele als Profi und frühere Vorbilder, die plötzlich Konkurrenten im Peloton sind.

Wie hast du dein erstes Jahr im Team bisher erlebt? 

Es war eine sehr aufregende Reise bis jetzt. Höhen und Tiefen, vom Schlüsselbeinbruch in Portugal, Covid vor den italienischen Frühjahrsklassiker bis zu erfolgreichen Rennen wie der Sibiu-Tour oder Rund um Köln. Ich freue mich auf jeden Renneinsatz, für mich ist es immer wieder eine spannende Erfahrung mit meinen Teamkollegen unterwegs zu sein. Ich habe in so kurzer Zeit bereits sehr viel lernen und mitnehmen dürfen. 

 

Vom Junior zum Profi: Was ist anders? Was ist neu? 

Erstmal möchte ich sagen, dass das Niveau an Betreuung, Material und Professionalität beim Team Auto Eder für ein Junioren Team enorm hoch war und natürlich auch immer noch ist. Aber natürlich ist der Schritt von einem U19 Team in ein WorldTour Team ein ziemlich großer. Hier bin ich quasi der Lehrling, profitiere von den Erfahrungen meiner Teamkollegen und es gibt für jedes Rennen eine wesentlich klarere Strategie als ich es von den Junioren noch gewohnt war.

 

Hast du gezögert als du die Möglichkeit bekommen hast sofort in die WorldTour einzusteigen?

Gezögert habe ich keinen Moment. Für mich war klar: Wenn ich die Chance bekomme, dann werde ich sie nutzen, wer weiß ob so eine Möglichkeit später nochmal kommen würde. Es hat mich extrem motiviert dieses Trikot tragen zu dürfen und nach meiner Zeit als Junior sofort in die WorldTour einsteigen zu können. 

Wie bist du zum Radsport gekommen? Gab es andere Sportarten die du vorher betrieben hast?

Ich komme aus einer recht sportlichen Familie, habe früher sieben Jahre lang Fußball gespielt und bin schlussendlich über meinen älteren Bruder zum Radsport gekommen. Erst Mountainbike und dann Straße. 

 

Beschreibe deine Entwicklung auf körperlicher und mentaler Ebene

Seitdem ich bei BORA - hansgrohe bin hat sich mein Training schon etwas verändert. Während die Inhalte ähnlich geblieben sind, trainiere ich jetzt ein gutes Stück mehr Umfang. Mehr und wesentlich längere Rennen fordern größere Umfänge im Training. Ich denke hier habe ich auch den größten Schritt in meiner körperlichen Entwicklung gemacht. Auf mentaler Ebene wachse ich momentan mit meinen Aufgaben im Team. Das schnellere, längere und komplexere Renngeschehen fordert mich. Hier stets fokussiert bleiben ist auch eine Challenge auf mentaler Ebene. 

 

Persönliche Ziele in dieser Saison? 

In erster Linie die persönliche Weiterentwicklung. Ich möchte in jedem Rennen meine maximal mögliche Leistung abrufen, meine Aufgaben im Team erledigen und bis zum Ende der Saison sturz- und verletzungsfrei bleiben. 

 

Wo siehst du dich als Profi in fünf Jahren?

Grundsätzlich sehe ich mich auch in fünf Jahren noch als Radprofi und dann hoffentlich auch noch bei BORA - hansgrohe. Sportlich möchte ich in fünf Jahren vielleicht auch mal als Leader in ein Rennen gehen und um Podiumsplatzierungen kämpfen. 

Als welchen Fahrertyp würdest du dich beschreiben?

Allrounder. Flache Massensprints liegen mir ebenso wenig wie schwere Bergetappen. Ich bin sprintstark und komme dank meines relativ niedrigen Körpergewichts gut über mittelschwere Anstiege. Im welligen Terrain fühle ich mich am wohlsten. 

 

Vorbild oder Held deiner Jugend?

Die Stars und Vorbilder meiner Jugend waren Fahrer wie Peter Sagan oder Marcel Kittel. Heute fahre ich mit den „großen Jungs“ von damals und Helden meiner Zeit als Jugendfahrer in einem Peloton. Plötzlich sind Vorbilder auch irgendwie Konkurrenten. 

 

Coolster Moment im Rennen bisher?

Die ersten Renntage mit BORA - hansgrohe auf Mallorca im Januar. Ich war super nervös, es war aber auch ein unbeschreibliches Gefühl plötzlich für das Team am Start zu stehen - diese Renntage werde ich nie vergessen!

 

Lustigster oder peinlicher Moment, den du in einem Rennen erlebt hast? 

An meinem ersten Renntag mit BORA - hansgrohe bei der Trofeo Calvià auf Mallorca war ich so nervös, dass ich ein Gel etwas zu energisch aufgerissen habe und dieses dann überall sonst, aber nicht in meinem Mund gelandet ist. Alles hat geklebt, ich musste schon ein wenig über mich selbst schmunzeln. 

 

Radsport in drei Wörtern: 

Leidenschaft, Schmerz, Höhen und Tiefen

 

Hast du ein Ritual vor dem Rennen? 

Kaffee! 

 

Was machst du, um zu entspannen und den Kopf frei zu bekommen? 

Musik hören funktioniert für mich sehr gut, um abzuschalten. Den Musikrichtungen gegenüber bin ich recht offen, hängt etwas von meiner Stimmungslage ab. 

 

Wie war die Saison bisher?

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem Verlauf meiner Saison. Nach Schlüsselbeinbruch und Krankheit habe ich ab Mai wieder super ins Renngeschehen gefunden, konnte viel lernen und das Team gut unterstützen. 

Wie war die Tour de l'Avenir aus deiner Sicht?

Kurz vor der Tour de l’Avenir war ich zusammen mit Cian Uijtdebroeks im Höhentrainigslager im Ötztal. Dort hat mich eine Verletzung am Oberschenkel leider etwas ausgebremst und ich konnte nicht ganz das geplante Programm umsetzen.
Im Rennen dann war ich gleich auf der ersten Etappe in einer aussichtsreichen Ausreißergruppe, das Feld hat uns erst kurz vor dem Ziel gestellt und ich wurde als kämpferischster Fahrer des Tages ausgezeichnet. Auf den folgenden Etappe habe ich viel Zeit vorne im Wind verbracht und mich in den Dienst unserer GC Fahrer gestellt. Ein Highlight war definitiv der Sieg im Mannschaftszeitfahren - ein richtig starkes Team und eine coole Truppe!
Leider bin ich vor den Bergetappen krank geworden und musste die Heimreise antreten. Für mich auf jeden Fall eine Enttäuschung! Mit nach Hause nehme ich aber die positiven Erlebnisse, Eindrücke und die guten Leistungen bis zu meinem Ausscheiden. 

 

War die Tour de l'Avenir ein Saisonhighlight für dich? 

Definitiv! Es ist cool, trotz meiner Einsätze in einem WorldTour Team, hier die Möglichkeit zu bekommen, mich im U23 Bereich zu messen. Der Rahmen der Tour de l’Avenir ist schon beeindruckend. Die l’Avenir ist ein richtig schweres, langes Etappenrennen auf den Spuren der Tour de France. 

 

Ihr habt das TTT gewonnen - eine Disziplin die dir liegt?

Wenn die Strecke meinem Fahrertyp entspricht und sich im hügeligen Terrain bewegt, dann auf jeden Fall. Generell mag ich den Spirit eines Mannschaftszeitfahrens. Es geht um präzise Abläufe, gute Taktik, Vertrauen und volles Commitment von jedem Fahrer - echter Teamsport eben. 

 

© Sprintcycling / Mario Stiehl / Tour de l'Avenir

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