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Pressemeldungen | 19.03.2020

Head Coach Dan Lorang im Interview: „Es kommt nicht nur auf das Training an, sondern auch auf die mentale Stärke.“

Der Coronavirus hat die Welt im Griff – und damit auch den Radsport. Zahlreiche Rennen sind mittlerweile aufgrund der Ansteckungsgefahr abgesagt worden. Und noch immer herrscht Ungewissheit, wann und wie die Saison fortgesetzt werden kann. Eine Ungewissheit, die Fahrer wie Trainer vor besondere Herausforderungen stellt. Wir sprachen mit Sportwissenschaftler Dan Lorang, Head Coach beim Team BORA - hansgrohe, darüber, wie sich die Fahrer derzeit trainieren und sich ohne konkrete Saisonziele in naher Zukunft fit halten.

 

Dan, Du bist als Head Coach unter anderem für das Training bei BORA - hansgrohe zuständig. Wie erlebst Du die derzeitigen Entwicklungen im Radsport um den Coronavirus?

Dan Lorang: Ich war gerade mit Jay McCarthy und Lennard Kämna im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada, als die Reisebeschränkungen begannen. Erst am Montag wurden wir ausgeflogen. Das Schwierigste für uns als Mannschaft ist nun sicherlich, dass keiner genau weiß, wann und wie es weitergeht.

 

Zahlreiche Rennen sind aufgrund der Pandemie abgesagt worden. Derzeit ist nicht klar, wann der Rennkalender fortgesetzt werden kann. Wie geht ihr damit im Training um?

Lorang: Es gibt hier mehrere Aspekte, die berücksichtigt werden müssen. Zum einen geht es um die körperliche Leistungsfähigkeit, die man erhalten muss. Zum anderen geht es aber auch um die mentale Komponente. Ohne Ziel zu trainieren fällt schließlich nicht jedem Profi leicht – und ohne strukturierten Rennalltag brechen zudem auch die täglichen Routinen weg. Das ist derzeit sicherlich die größte Herausforderung.

 

Wie halten sich die Fahrer momentan fit?

Konkret ähnelt das Training derzeit dem Wintertraining: Wir machen zum Beispiel sehr gute Erfahrungen mit dem sogenannten polarisierten Training, das eine Kombination von niedrig-intensiven, langen Ausdauereinheiten und hoch-intensiven, kurzen Trainingsintervallen ist. Das gilt natürlich nur, solange man auch noch draußen fahren kann.

 

Du sprichst damit die Ausgangssperren an, die in immer mehr Ländern eingeführt werden. In Italien und Spanien darf nicht mehr im Freien gefahren werden. Was passiert, wenn das komplette Training nur noch Indoor passiert?

Lorang: Das ist natürlich ein gravierender Einschnitt. Und genau hier kommt die mentale Komponente noch mehr zum Tragen: Nicht jeder Profi mag es, stundenlang auf der Rolle zu sitzen. Andere wiederum haben kein Problem damit, weil sie es als ihren Beruf ansehen. Wir werden uns an diese Situation vorsichtig herantasten und das Training spielerischer gestalten: Das können spezielle Trainingsaufgaben und Intervalle sein, aber es kann zum Beispiel auch an der Trettechnik gearbeitet werden. Prinzipiell gilt: Fahrer, die mit dieser Situation besser zurecht kommen als andere, könnten im weiteren Verlauf der Saison sicherlich einen Vorteil haben. Wir unterstützen unserer Fahrer daher nach allen Kräften.

 

BORA - hansgrohe hat 27 Fahrer aus neun Nationen. Wie löst ihr die Situation, dass eure Fahrer in unterschiedlichen Ländern leben, wo nun unterschiedliche Trainingsbedingungen herrschen?

Lorang: Wir gehen hier ganz individuell vor. Trotz der Beschränkungen ist es wichtig, dass nun alle zuhause bei ihren Familien sind. Es würde zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn machen, italienische Fahrer nach Deutschland zu holen, da wir ja nicht wissen, wie lange die Situation anhält. Sobald sich die Situation allerdings verbessert, sind aber sicherlich gemeinsame Trainingslager denkbar. Wir vertrauen den Gesundheitsbehörden der einzelnen Länder und handeln entsprechend deren Vorgaben. Da es sich um ein sehr dynamisches Geschehen handelt, bewerten wir die Situation permanent weiter.

 

Sollte der Rennbetrieb wieder regulär aufgenommen werden, wie schnell sind die Fahrer einsatzfähig? Geht das nahtlos aus dem aktuellen Training, oder braucht es eine spezielle Rennvorbereitung?

 

Wenn wir wissen, wann es wieder losgeht, dann wäre eine Vorbereitungszeit von 3-4 Wochen ideal. In diesem Zeitraum wäre es möglich, das Training wieder gezielter auszurichten, um bei den Wettkämpfen entsprechend gute Leistungen abrufen zu können. Die Fahrer sind aber sicherlich auf einem Niveau, das ihnen erlaubt auch Leistung abzurufen sollte das kurzfristiger nötig sein. Allerdings eben nicht eine optimale.

 

Dan, vielen Dank für das Gespräch!

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